Zeit in der Unterscheidung von An- und Abwesendem
Zeit kommt ins Spiel, wenn im Zuge der Unterscheidung und Relationierung von An- und Abwesendem das Abwesende in den Fokus des Anwesenden hineingenommen und damit präsent wird. Zeit markiert und maskiert die Aporie des Abwesenden im Anwesenden: Wenn das Abwesende präsent wird, ist es nicht mehr abwesend; die Aporie besteht darin, dass Abwesendes zugleich anwesend und damit eben nicht mehr abwesend ist. Zeit bzw. zeitliche Sprachausdrücke „überbrücken“ und verdecken die inhärente Widersprüchlichkeit, die mit der Zusammenführung von An- und Abwesendem zu einer (verlaufsförmigen) Einheit einher geht. Zeit selbst bleibt ein unbestimmter Begriff, bestimmt sind nur die Kontext spezifischen, jeweils konkreten Relationierungen (Zeitlichkeiten, Eigenzeiten, Temporalitäten) nicht zugleich präsenter Phänomene.
Zeit bezeichnet nicht die Unterscheidung von An- und Abwesendem als solche, sondern eine bestimmte Form (unter anderen) der Einheit von An- und Abwesendem. Zeitlich ist die Herausbildung oder das Hervortreten dieser Einheit, die – im Sinne des grammatischen Mediums – sowohl betrieben als auch erfahren wird, weil die Unterscheidung als Kriterium und als Einheit spontan zugleich (inter-)aktiv etabliert (d.h. getrennt erfahren) und passiv vorgefunden (d.h. zusammen erfahren) wird. Norbert Elias lenkt mit seiner Verbalisierung von Zeit als „zeiten“ die Aufmerksamkeit auf den (intersubjektiven) aktiven und Martin Heidegger mit seiner Verbalisierung von Zeit als „zeitigen“ („Zeit zeitigt“) auf den passiven (vorgefundenen) Aspekt der mit dem zeitlichen Horizont eröffneten, Orientierung ermöglichenden Sinnstiftung.
Quellen:
formuliert im Anschluss an die Darstellung des Gerechtigkeitsbegriffs nach Luhmann und Derrida in der 13. Vorlesung „GesmbH“ von Manfred Füllsack und Arno Böhler, Wien, SS 2010

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