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Warum überhaupt Zeit?

(english version)

Man kann einen Brotteig solange kneten, bis er die richtige, aus Anleitung und Erfahrung bekannte Konsistenz hat. Zum Backen verbleibt er im Ofen, bis die Anstichprobe zeigt, dass er durchgebacken ist. Ein solches Verfahren folgt einer erfahrungsbasierten, wahrnehmungsorientierten Wenn-dann-Logik und kommt grundsätzlich ohne Bezugnahme auf Zeit aus.

Temporalität kommt erst ins Spiel, wenn unterschiedliche Vollzüge des Brotbackens verglichen werden, wenn beispielsweise ein Bäcker schneller fertig ist als ein anderer. Das kann verschiedene Gründe haben: veränderte Konditionen etwa beim Mischverhältnis der Komponenten oder der Backtemperatur, bessere oder schlechtere Befindlichkeit des Backenden, größere Fertigkeit, besseres Know-How, intensiveres Engagement, Ablenkung oder Unterbrechung, Wetteifer, Anschlusserwartungen, ganz allgemein sozialer Druck. Die Vollzugsdauern können proportional quantifiziert werden: Der eine ist doppelt so schnell wie der andere, möglicherweise einhergehend mit einer Wertung: Der Schnellere ist der Bessere oder der Langsamere backt leckerer.

Die definierte Vollzugsdauer eines standardisierten Vergleichsprozesses, etwa der Entleerung einer Sanduhr, ermöglicht es, dem individuellen Backvorgang eine unabhängige Maßzahl zuzuordnen, die frei nach Aristoteles ein Etwas am Vollzug bezeichnet: die Zeit. Der Vollzug richtet sich an der Zeit gemäß dem Maß der Zahl aus. Der schnellere Bäcker nimmt in geringerem Maße Zeit in Anspruch als der langsamere.

Diese Sicht der Dinge ist weder selbstverständlich noch notwendig. Das erfahrungsbasierte, wahrnehmungsorientierte Backen ist völlig ausreichend für den Zweck der Herstellung eines Brotes und benötigt keinen Zeitbezug. So etwas wie Zeit ist im Backvollzug als solchem auch überhaupt nicht aufweisbar. Erst der Vergleich verschiedener Backvorgänge weist darauf hin, dass ein Unterschied festgestellt werden kann. Es gibt in den vergleichbaren Vollzügen offensichtlich etwas, das einen Unterschied macht. Dieser Unterschied lässt sich als Zeit quantitativ benennen.

Bei genauer Betrachtung sind leicht auch konkrete Unterschiede zu entdecken: veränderte Konditionen etwa beim Mischverhältnis der Komponenten oder der Backtemperatur, Wohlbefinden, größere Fertigkeit, besseres Know-How, intensiveres Engagement, Wetteifer, Interesse an Anschlusserwartungen, ganz allgemein Sensibilität für sozialen Druck. Im Grunde steht der Begriff Zeit für nichts anderes als eine abstrahierende und pauschalisierende Zusammenfassung für all diese Faktoren. Alle Faktoren, die für Unterschiede einer benötigten Vollzugsdauer verantwortlich gemacht werden können, bestimmen die spezifische Temporalität des Prozesses, seine Eigenzeit.

Was ist mit dieser Abstraktion gewonnen? Zum Beispiel die Erkenntnis, dass unterschiedliche Vollzüge gleichartiger Prozesse unter strikt standardisierten und normierten Bedingungen dieselbe Zeit in Anspruch nehmen. Das bringt den praktischen Vorteil, das auch Vorgänge, die nicht wahrnehmungsorientiert kontrolliert werden können, vorhersehbar gesteuert werden können. Zum Beispiel das Eierkochen. Einem gekochten Ei sieht man bekanntlich nicht an, wann die gewünschte Konsistenz erreicht ist: Es gibt keine Anstichprobe. Wird es unter standardisierten und normierten Bedingungen zubereitet, kann man die gewünschte Konsistenz über eine erfahrungsbasierte Zeitmessung sicher stellen.

Was also ist die Zeit? Ein Bündel nicht näher bestimmter, jeweils spezifischer relevanter Faktoren, die die Vollzugscharakteristik von Geschehnissen aller Art bestimmen und die sich natürlich von Fall zu Fall unterscheiden. So betrachtet ist die Zeit ein leerer Signifikant im Sinne von Laclau. Es ist ein Begriff ohne konkrete Eigenbedeutung, eine Art Platzhalter, der je nach Kontext ganz verschiedene Vollzugskonditionen pauschalisierend in sich aufnehmen kann. Wir verfügen über die erlernte Kompetenz mit dem Zeitbegriff umzugehen, sind aber verständlicherweise nicht in der Lage, konkret anzugeben, was wir damit meinen: Nämlich alles und nichts.

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