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jetzt

(english version)

Sprachtheoretisch gesehen ist „jetzt“ ein Adverb, das als Ordnungsfaktor in der Kommunikation eine nähere zeitliche Bestimmung der Situiertheit der an der Kommunikation Beteiligten vermittelt. Im Gegensatz zu kalendarischen oder physikalischen Zeitangaben ist „jetzt“ stets auf eine konkrete Äußerungssituation bezogen und bringt dazu Relationen der Vorzeitigkeit (bis jetzt), Gleichzeitigkeit (genau jetzt) oder Nachzeitigkeit (von jetzt an) zum Ausdruck. Im Zusammenspiel mit Tempusformen kann das Adverb auch zur konkretsierenden Rückschau, Mitschau und Vorausschau von vergangenen oder künftigen Situationen verwendet werden (jetzt war der richtige Zeitpunkt; jetzt wird der Augenblick gekommen sein). Anders gesagt: Mit „jetzt“ werden Sprechzeit und Ereigniszeit(en) zueinander in Beziehung gesetzt.

Als in der Alltagssprache verwendeter deiktischer Ausdruck verweist „jetzt“ auf konkrete Umstände und Geschehnisse im näheren oder weiteren Umfeld einer konkreten Kommunikationssituation und konstatiert damit deren Bezug zum Sprecher oder einer angesprochenen Person. Dabei geht es nicht vordringlich darum, einen objektiven Tatbestand zu bezeichnen, sondern vor allem darum, ein subjektives Involviertsein anzuzeigen. In diesem Zusammenhang kann „jetzt“ appellativen Charakter haben (jetzt oder nie, tue/lass das jetzt) oder Betroffenheit (jetzt hast du den Salat), Mitleidenschaft (jetzt ist es nicht mehr zu ändern), Komplizenschaft (jetzt gehörst du dazu), Verantwortung (jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen), Abgeschlossenheit (Ende), Fortdauer, Bestehen oder Neuanfang markieren.

Das Adverb „jetzt“ verweist weniger auf eine kalendarische bzw. chronologische Einordnung als vielmehr auf eine psychologische Abgrenzung einer augenblicklichen Situation mit ihren einzigartigen Möglichkeiten gegen andere Situationen, in denen diese Möglichkeiten so nicht gegeben sein müssen: „jetzt“ verweist auf die Besonderheit der Situiertheit, die damit verbundenen Chancen und Risiken und kann damit auch den „richtigen“ Augenblick für eine Handlungsoption meinen.

Während Gegenwart in Abgrenzung gegen Abwesendes auf Präsentes, Anwesendes und damit prinzipiell Wahrnehmbares oder Vergegenwärtigbares gerichtet ist, greift „jetzt“ in Abgrenzung gegen „nicht-jetzt“ weiter aus und zielt gerade auf Abwesendes, nicht Präsentes, das mit der aktuellen Situiertheit in Beziehung gestellt wird.

Sowohl der „Augenblick“ als auch die mit „jetzt“ angesprochene Situiertheit sind in der Dauer flexibel. Der Augenblick umfasst eine Situation, erfordert ein Innehalten und zielt auf Gewahrwerden. Die adverbiale Bestimmung unterbricht ein Geschehen und erfordert Positionierung sowie möglicherweise eine Handlung. Sie markiert ein Ende, einen Anfang oder Interrupt. Das Konkrete der adverbialen Bestimmung findet seinen Niederschlag im Zäsurcharakter des Augenblicks.

„jetzt“ hängt nicht von der Situation ab, es heftet nicht attributiv oder affektiv an ihr, sondern umgekehrt, die Situation wird als solche durch die adverbiale Bestimmung fixiert. Mit der Verwendung der adverbialen Bestimmung wird der Situation gleichsam ein Stempel der Verbundenheit aufgeprägt. Von einander mehr oder weniger unabhängige Geschehnisse werden in ein Verhältnis der Gleichzeitigkeit und damit in einen postulierten Wirkungszusammenhang gestellt. Zugleich erfolgt in der Kommunikation eine Koordinierung der Beteiligten, die vorübergehend zeitlich gleichgeschaltet werden.

Das bedeutet aber keineswegs, dass alle Beteiligten die Situation, auf die sie mit der adverbialen Bestimmung fokussiert werden, gleichartig wahrnehmen. Denn in jede Situation geht auch die jeweils verschiedene, individuelle Befindlichkeit ein. Die synchronisierte Situiertheit ist auch eine dynamische Verschränkung gegenseitiger Andersheit. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Dringlichkeit, der zwingende Charakter oder die Notwendigkeit einer Entscheidung in der mit „jetzt“ markierten Situation durchaus unterschiedlich von den Gesprächsteilnehmern eingeschätzt werden kann. Solche Befindlichkeitsdifferenzen betreffen zum Beispiel die Handlungsbereitschaft: Die Ruhezeit der Lerche ist die Aktivitätszeit der Eule.

Die individuellen Unterschiede der Einschätzung und Bewertung einer mit „jetzt“ markierten Situation verdeutlicht, dass die zeitliche Bestimmung einen relationierenden Spannungsbogen zwischen den Beteiligten und den einbezogenen Geschehnissen erzeugt, der zugleich sinnstiftend und herausfordernd ist. Er provoziert Stellungnahme, kann Handlungsoptionen implizieren oder explizit einfordern und motiviert gegebenenfalls Handlung. Dabei ist die Gleichzeitigkeit der gleichgeschalteten Geschehnisse nichts Umfassendes, in dem die Geschehnisse enthalten wären, sondern sie wird durch „das Inbezugtreten zur Alterität des zeitlich jeweils anderen“, so Jochen Gimmel, ausgespannt.

Während die adverbiale Bestimmung „jetzt“ immer nur in Bezug auf konkrete Situationen angewendet werden kann, wird durch die Substantivierung eine Verallgemeinerung eingeführt, die eben nicht mehr auf die konkrete Situation bezogen ist, sondern eher die allgemeine Form von Situationen bezeichnet, in denen die adverbiale Bestimmung verwendet wird. Während „jetzt“ Einmaliges und Einzigartiges markiert, steht „Jetzt“ für eine Vielheit von Verwendungsmöglichkeiten von „jetzt“. Daher die Rede von vielen verschiedenen „Jetztpunkten“, die wie die viel bemühten Perlen auf eine Kette aufgeschnürt werden können.

Die substantivierte Form „das Jetzt“ hat sich im Alltagsgebrauch nicht nachhaltig durchgesetzt und darin kaum einen Niederschlag gefunden. Sie findet vor allem in zeittheoretischen Erörterungen Verwendung und ist in diesem Zusammenhang eine (in der Regel Aristoteles zugeschriebene) kanonisierte Wortneuschöpfung. Darüber hinaus wird sie eigentlich nur in besonderen Kontexten mit einer gewissen pauschalisierenden oder verallgemeinernden Absicht eingesetzt, zum Beispiel in dichterischer Sprache (Schiller: „pfeilschnell ist das jetzt entflogen“) oder im Zusammenhang mit Anleitungen zum guten Leben (Lebe im Jetzt).

Die vergegenständlichende Verallgemeinerung der ursprünglich adverbialen Relationsbestimmung verleitet dazu, Zeit als etwas „Seiendes“ oder dem Status von „Sein“ Entsprechendes misszuverstehen. Als quasi selbstständiger Größe können dem „Jetzt“ dann auch leicht(fertig) akzidentielle Eigenschaften zugesprochen werden. Der Versuch der Verortung im Zeitstrang leistet dieser Tendenz Vorschub. Die Flüchtigkeit der adverbialen Bestimmung gerät in Konflikt mit der Beständigkeit der formalen Bedeutung der substantivierten Ausdrucksform, ein Widerspruch, der ganz allgemein Erörterungen des Zeitbegriffs heimsucht: Die Einmaligkeit der chronologischen Zeit widerstreitet dem repetitiven Charakter der Kalenderzeit. Es geht nicht darum, der substantivierten Form von „jetzt“ einen gewissen Erkenntniswert (als allgemeine Form der konkreten Benennung einer aktuellen Situiertheit durch das Adverb „jetzt“) abzusprechen. Dennoch geht diese ontologisch vorgeprägte Ausdrucksform zulasten der sprachlich-reflexiven Relations- und Ordnungsfunktion in konkreten Bezügen.

Wilhelm Köller hat vorgeschlagen, abstrakte Substantive wie Zeit – oder eben auch das „Jetzt“ – als eine Art Pronomen zu verstehen, also als eine Art Platzhalter oder Füllwort, das inhaltlich ganz unterschiedliche Sachvorstellungen bzw. Objektivierungsgeschichten repräsentieren kann. Entsprechend könnte man im Sinne von Ernesto Laclau von einem „leeren Signifikanten“ sprechen, der selbst ohne klare Bedeutung als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner für zeittheoretische Erörterungen dienen kann. Während die Logik der adverbialen Bestimmung „jetzt“ die Bedeutung einer konkreten Situiertheit abgrenzend fixiert, versucht die Logik der Substantivierung verschiedene Gelegenheiten der Verwendung der adverbialen Bestimmung unter einen Hut zu zwingen und verliert dabei den Bezug auf das Konkrete.

Die sprachliche Objektivierung von „Jetzt“ als Allgemeinbegriff bezieht sich auf die sprachliche Ausdrucksform für die subjektive Fixierung von konkreten, aufeinander bezogenen Weltvollzügen, die auch mit intersubjektiven Anerkennungsprozessen verbunden sind: Das Adverb „jetzt“ hat auch eine soziale Dimension, die mit der Substantivierung aus dem Blick gerät.

Die Dominanz von Uhren- und Kalenderzeit kann den irreführenden Eindruck erwecken, dass im Hinblick auf das Zeiterleben alles gesagt ist, wenn Phänomene oder Ereignisse durch die Angabe von Datum und Uhrzeit in ihrer Lage und ihrem Verlauf bestimmt werden. Tatsächlich ist das Zeiterleben facettenreicher und über die objektivierende historische Verortung hinaus stets von den Dispositionen und Lebensumständen der Subjekte bzw. sozialen Gemeinschaften geprägt, die Phänomene oder Ereignisse beobachten, daran teilhaben, sich daran erinnern oder davon betroffen sind.

Quellen:

Friedrich Schiller, Sprüche des Konfuzius (1795)
Jochen Gimmel, Zeit haben – Zeit sein. Ein Plädoyer für Zeit (2023), S. 26 f.
Wilhelm Köller, Die Zeit im Spiegel der Sprache. Untersuchungen zu den Objektivierungsformen für Zeit in der natürlichen Sprache (2019), S. 116

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