Zeitblogger

Zeit haben – Zeit sein

(english version)

Jochen Gimmel, Zeit haben – Zeit sein – Ein Plädoyer für Zeit (2023) –

Die Monographie von Jochen Gimmel ist in der Studienreihe zur Theorie und Kulturgeschichte der Muße eines Freiburger Sonderforschungsbereichs erschienen. Im Elfenbeinturm verfasst ist sie offenbar nicht dafür bestimmt, den Elfenbeinturm jemals zu verlassen. Das ist bedauerlich, weil der Autor unkonventionelle Ansätze für eine Theorie der Zeit entwickelt, die wegen der durchgängigen Rückversicherung bei anerkannten Autoritäten und des daraus resultierenden akademischen Stils eigentlich nur für ein spezialisiertes Fachpublikum und sehr informierte Laien zugänglich sein dürften.
 
Auch kann der Rezensent sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der starke Rückgriff auf kanonisierte zeittheoretische Positionen als Ausgangspunkt und Rechtfertigung für das eigene Denken den Autor in der konsequenten Ausformulierung seiner eigenen Ideen eher blockiert, so dass er letztlich zwar interessant ansetzt, dann aber doch im Konventionellen stecken bleibt. Schade eigentlich.
 
So verstrickt sich Gimmel beispielsweise in Anlehnung an Kant in einer paradoxen Selbstbezüglichkeit, mit der eigentlich nichts gewonnen wird. Er spricht von einem transzendentalen Apriori des Zeitvollzugs: Zeit sei im Geschehen Zeitvollzug und zugleich als Geschehens-Horizont Zeitdimension. Die konkreten Zeitverhältnisse bilden den Geschehnis-Horizont, der ihnen scheinbar ‚vorausgeht‘, aber just als Bedingung des Geschehens nicht ‚vorausgehen‘ kann. Das bemüht eine Münchhausen-Strategie des „Sich-selbst-am-Zopf-aus-dem-Sumpf-Ziehens“, die durch den anzuerkennenden und auszuhaltenden, durchgängig aporetischen Charakter der Zeiterfahrung angemessen gerechtfertigt sein soll.
 
Das ist nicht besonders originell. Während bei Kant Zeit Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis ist, mutiert sie bei Gimmel zur Bedingung der Möglichkeit von Zeit selbst. Indem er der Zeit quasi-transzendentalen Charakter zuschreibt, bleibt er – ganz in der Nachfolge Kants – darin verhaftet, dass Zeit, wenn auch nicht „bloß“ gegenständlich so doch irgendwie etwas sei. Und das, obwohl er Zeit eigentlich als kennzeichnenden Ausdruck für dynamisches Geschehen auffasst. Den Schritt, sie dann auch konsequent einfach als sprachliche Bezeichnung für eben diese Dynamik aufzufassen, die wir als Mittel zum Zweck verwenden, wenn wir über verschiedene konkrete Geschehnisse kommunizieren, geht er nicht.
 
Sein Ansatz leidet aus meiner Sicht vor allem an einer unsauberen Trennung einer konkreten und einer allgemeinen Verwendung des Begriffs Zeit. Denn einerseits spricht er über Zeit als konkretes Geschehen im Vollzug und im selben Zuge andererseits über eine Zeit als allgemeinen Geschehens-Horizont. Der Autor macht diesen Unterschied der Wortverwendung nicht explizit und kann deshalb den aporetischen Charakter „der“ Zeit nicht auflösen. Obwohl er die Vielzahl von asynchronen Eigenzeitlichkeiten und deren Konfrontation in der Gleichzeitigkeit der Rezeption eines Gesamtgeschehens betont, vermengt er die Begriffe.
 
Das zeigt sich auch, wenn er den für seine Ausführungen zentralen Begriff des „Dass-des-Jetzt“ – wieder im ausführlichen Rückgriff auf die Autorität eines Klassikers – für die als Intensität beschriebene, wechselbezügliche und spannungsgeladene Situiertheit von Geschehnissen einführt, die er im Grunde mit der konkreten Zeiterfahrung gleichsetzt. Indem er in aristotelischer Tradition vermutlich unreflektiert die substantivierte Form des eigentlich im Alltagssprachgebrauch nur adverbial verwendeten Ausdrucks „jetzt“ einsetzt, verstrickt er sich erneut in Antinomien.
 
Während die adverbiale Bestimmung „jetzt“ immer nur in Bezug auf konkrete Situationen angewendet werden kann, wird durch die Substantivierung eine Verallgemeinerung eingeführt, die eben nicht mehr auf die konkrete Situation bezogen ist, sondern eher die allgemeine Form von Situationen bezeichnet, in denen die adverbiale Bestimmung verwendet wird. Während „jetzt“ Einmaliges und Einzigartiges markiert, steht „Jetzt“ für eine Vielheit von Verwendungsmöglichkeiten von „jetzt“. Daher die Rede von vielen verschiedenen „Jetztpunkten“, die wie die viel bemühten Perlen auf eine Kette aufgeschnürt werden können.
 
In strukturalistischer Manier manifestiert sich bei Gimmel jedes Phänomen der Wirklichkeit zeitlich auf eigene Weise in dynamischen Wechselbeziehungen zu anderen Phänomenen. In ihrem Wirkungszusammenhang werden die jeweils spezifischen Eigenzeiten in ein Verhältnis der Gleichzeitigkeit gesetzt. „Gleichzeitigkeit ist gewissermaßen ein Miteinander des eigenzeitlich Ungleichzeitigen, Asynchronen als Wirkungsbezug.“ Grundphänomen ist also das Einzelgeschehen, das sich in seinem Vollzug aus einem Gesamtgeschehen von anderem Geschehen abgrenzt. Das ist ein systemtheoretisches Motiv. Und so kommt Gimmel von Kant über den ungenannten Ferdinand de Saussure zu Niklas Luhmann.
 
Was hat das Ganze mit Muße zu tun? Schließlich handelt es sich ja um eine Studie über die zeitliche Verfasstheit der Muße, die Gimmel nicht als „Freiheit von den Zwängen der Zeit“ auffasst, sondern als originäre Gelegenheit, Zeit als solche zu erfahren. Die objektivierte Zeitordnung der Chronologie trete in der Muße außer Kraft, was es ermögliche, sich frei und unbeschwert in der Spannweite der eigenen Existenz zu erleben. Als Zeitläufe unterbrechende Grenzerfahrung erlaube Muße in aller Radikalität und Konsequenz das Verweilen in einem Augenblick (Kairos) des spannungsgeladenen sich in der Zeit vor und zurück Sehnens.
 
In Zeiten der Muße, so Gimmel, bilde der widersprüchliche Gegensatz zwischen Angekommensein und Unterwegssein einen Spannungsbogen, in dem das Selbst sich ständig aktualisierend in einer nicht greifbaren Wirklichkeit einrichtet. In der Muße werden Wünsche entfaltet, die man nicht einfach habe, sondern die man vollziehe, indem man sich in der Zeit ausstreckt. Zeithaben und Zeitsein wurzeln in Utopien, in denen Unbekanntes als Mögliches im Unterwegssein zu sich selbst aufscheint. Gimmel: „Die nicht feststellbare Wirklichkeit der Gegenwart, die sich erst im Wünschen eröffnet und aufspannt, erweist sich als die geheimnisvolle Realität der Zeit selbst.“
 
Man muss viel Muße mitbringen, um den akrobatischen Gedankengängen des Autors folgen zu können. In seinen Ausführungen zeigt er nicht nur, wie aus dem „temporalen Tumult“ einzelner Geschehnisse narrativ eine sinnstiftende Ausrichtung der Zeit erwachsen kann, sondern auch, wie aus dem Tumult konkurrierender Zeittheorien inspirierende Ansätze für ein praktisches Zeitverständnis geformt werden können, das letztlich ein Plädoyer für ein Ausscheren aus den Zwängen der sozialen Zeit rechtfertigt.