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Die Ordnung der Zeit im Spiegel der Geschichte

(english version)

Die Frage, auf die Menschen früherer Gesellschaften eine Antwort suchten, die Primärfrage der Menschheit, war nicht: ‚Was ist der Mond oder die Sonne?‘, und ganz gewiß nicht: ‚Sind sie mineralischer, pflanzlicher oder tierischer Natur?‘ Die Frage war: ‚Was bedeutet dieses oder jenes Ereignis am Himmel für uns? Ist es gut oder schlecht für uns?‘“ – (Norbert Elias)

Im Altertum bieten biologische und körperimmanente Zeitgeber sowie die Bewegung der Gestirne Orientierung in der Zeit. Sonnen- und Wasseruhren sind Jahrtausende alt. Bewusst erfasste Regularitäten im Lebensalltag werden historisch betrachtet zunächst in listenförmige und tabellarische Ordnungssysteme transformiert. Das hohe Alter und die historische Bedingtheit dieser Ordnungssysteme sind spätestens seit der römischen Antike (z.B. bei Ovid) bekannt.

Die Rationalisierung derartiger Ordnungssysteme mit Hilfe zugrunde liegender Prinzipien benötigt eine Form der Darstellung und Benennung. Zur Verfügung stand zunächst eine Vielzahl von Begriffen wie beispielsweise ägyptisch Neheh und Djet oder Chronos, Aion und Kairos im Griechischen, die zweckorientiert unterschiedliche Aspekte unterschiedener Zeitlichkeiten thematisierten und sich erst allmählich in Verbindung mit Metaphern (Himmelsbarke, Mondleiter, göttliche Zeitverwalter) herausgebildet haben. Als vierte Form entwickelte sich neben Personifikationen, Bildern und Begriffen die systematisierende und schematisierende Korrelation mit Zahlen.

Derartig idealisierte Zeitordnungen wurden als Spiegel einer göttlichen Weltordnung verstanden und als Sammlungen qualitativer Zeichen für Handlungsorientierungen gedeutet, oft im Zusammenhang mit verschiedensten Formen einer Zukunftsschau. Nicht selten fanden in ein und derselben Gesellschaft mehrere zweckgebundene Zeitordnungen nebeneinander Verwendung. Mit der Herausbildung intensivierter „globaler“ Vernetzungen, insbesondere im Rahmen der Entstehung Kulturen übergreifender Herrschaftsordnungen entstanden Sensibilität und Bedarf für vergleichende Darstellungen und Synchronisierungen der unterschiedlichen Zeitvorstellungen, die erste Schritte hin zu einer gemeinsamen Sprache über Zeit einleiteten.

Quellen:

Norbert Elias, Über die Zeit (1988), S. 156
Roland Färber, Rita Gautschy (Hg.), Zeit in den Kulturen des Altertums (2020)

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