Zeitblogger

Die Verpflichtung auf den Augenblick

(english version)

Es gibt drei Zeitpunkte, einen richtigen, einen verpaßten und einen verfrühten“ – (Stan Nadolny)

Der Zwang zur Entscheidung zwischen vielen Angeboten, die die Welt bereithält und von denen in der Regel nur wenige, noch dazu einmalig im Leben und damit schicksalsbestimmend angenommen werden können, gehört zu den Grunderfahrungen von Menschen in der globalisierten Welt. Die Zumutung der Erkenntnis, nicht genug Zeit zu haben, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen, sorgt – mit einem Wort des Bochumer Philosophen Hans Blumenberg – für „Weltmissbefinden“ und zieht ebenso unablässige wie vergebliche Versuche der Kompensation nach sich. Die Angst, etwas zu verpassen oder zu versäumen, ist ein oft anzutreffender Begleiter in einer Welt geworden, in der die Empfindung von Zeitmangel Rechtfertigungsdruck erzeugt. Warum dies jetzt tun und nicht lieber etwas anderes? Hätte sich die verfügbare Zeit nicht besser nutzen lassen?

Die stete Gefahr, nicht den richtigen Moment zu erwischen, an dem etwas ganz Bestimmtes unbedingt getan werden muss, ist eine traumatisierende Erfahrung, die das alltägliche Leben vieler Zeitgenossen beherrscht. Wer ein Angebot in der „Weltzeit“ ausschlägt, erhält nur in seltenen Fällen in seiner „Lebenszeit“ eine zweite Gelegenheit. Eine Frist zu versäumen, riskiert Lebenschancen zu vergeben. Einen Stichtag zu verschlafen, kann Karrieren ruinieren. Einen Anschluss zu verpassen, setzt soziale Zugehörigkeit aufs Spiel. Die therapeutische Konsequenz heißt Zeitmanagement. Der Mensch entwickelt sich zum Meister der Kunst, jedwede Zeit so zu verplanen, dass alles Notwendige im richtigen Augenblick zum Zuge kommt. Wer nicht mithält, verliert Ansprüche auf die Teilnahme am gesellschaftlichen Zusammenleben. Ihm mag das Anrecht auf eine Grundversorgung bleiben, aber im großen Spiel des Lebens bleibt ihm fortan nur die Außenseiterrolle.

Wer heute eine Ausbildung oder ein Studium beginnt, ist gut beraten gleich von Anfang an Beziehungen für die spätere Berufsausübung aufzubauen. Wer wartet, bis er den Gesellenbrief oder das Examen in der Hand hält, muss damit rechnen, auf dem Arbeitsmarkt eine Konkurrenzsituation vorzufinden, die ohne dieses vorausschauende Engagement nicht zu bewältigen ist. Wer zu lange zögert und nicht schnell genug zugreift, verschenkt seine Chancen. Das gilt für den einfachen Bürger ebenso wie für Staatenlenker: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

„Denken ist gut“, lässt Stan Nadolny den Vater seines schwerfälligen Protagonisten John Franklin angesichts von dessen Langsamkeit erklären, „aber nicht so lange, bis das Angebot einem anderen gemacht wird.“ Der Soziologe Niklas Luhmann wurde nicht müde, zu betonen, dass alles Handeln in dem schmalen Fenster der Gegenwart stattfindet. Alles Geschehen, so seine Einsicht, ist an den Augenblick gebunden. Es geschieht nicht vorher und auch nicht danach. Deshalb sprach er von der „Unkontrollierbarkeit des Gleichzeitigen“: Wer jetzt nicht handelt, kann nichts mehr dagegen tun, dass ein Anderer an seiner Stelle Fakten schafft. Jede Reaktion auf Geschehnisse, mit denen man nicht gerechnet hat, erklärt auch Bernhard Waldenfels in seinem Konzept der Zeitverschiebung, kommt zu spät.

Es ist diese Verpflichtung auf den Augenblick, die einen traumatischen Aspekt der modernen Zeiterfahrung bestimmt. In Anbetracht der tradierten Sozialisation rechnen wir mit einem kontinuierlichen Fluss der Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft. Doch die Lebenserfahrung belehrt uns eines besseren. Jede Gegenwart bedeutet einen Bruch mit der vorgeblichen Kontinuität, denn sie bringt Ereignisse, Entscheidungen und Weichenstellungen, die, was bisher galt, in Frage stellen. Es gilt, zur rechten Zeit die Kurve in eine neue Gegenwart zu nehmen und nicht Gewohnheiten folgend in der Vergangenheit abgehängt zu werden. Dabei muss faktisch gar nicht viel passieren. Es reicht, dass sich Kontexte und Beziehungen verschieben, so dass sich neue Perspektiven ergeben, denen Rechnung zu tragen ist.

Quellen:

Hans Blumenberg, Lebenszeit und Weltzeit, S. 36
Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit, S. 41 und S. 50
Niklas Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, S. 193 f.
Bernhard Waldenfels, Ortsverschiebungen, Zeitverschiebungen

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