Humberto Maturana
Maturana geht von der Erfahrung aus, dass die Bedeutung des Begriffs Zeit von den Umständen der Verwendung abhängt. Wobei die „Umstände“ nach seiner Auffassung keine irgendwie unabhängig vom menschlichen Bewusstsein bestehende Welt repräsentieren, sondern Beziehungen des in sich abgeschlossenen Sprachgebrauchs, über den Menschen ihr Verhalten rekursiv und einvernehmlich koordinieren.
Maturana versteht Leben als einen Fluss von Verwandlungsprozessen. Es ist im Wesentlichen ein Moment des Vergehens und Entstehens, ein beständiger Prozess, der sich selbst verzehrt, um sich selbst hervorzubringen. Es ist ein rekursiver Vollzug im Jetzt. Vergangenheit und Zukunft sind aus dieser Perspektive Bezeichnungen, die Menschen als Selbstbeobachter erfinden, um sich ihre Gegenwärtigkeit, ihr Auftauchen im Jetzt zu erklären. Die Zeit selbst ist ein vom Menschen erfundener sprachlicher Ausdruck für den Hintergrund, vor dem sich Gegenwart sowie Vergangenheit als deren Quelle und Zukunft als deren Extrapolation ereignen.
Damit wird Zeit nicht in einer wie auch immer gearteten Realität, sondern in der Sprache bzw. als ausschließlich sprachliches Phänomen verortet. Sprache bzw. Sprachgebrauch ist kein Mittel, um Eigenschaften einer vom Menschen unabhängigen Realität symbolisch abzubilden, sondern ein Mittel, das die einvernehmliche rekursive Dynamik der vernetzten Verhaltensweisen von Menschen konstituiert. Sprache ist die spezielle Art und Weise, in der Menschen gemeinsam handeln. Alles, was für sie „existiert“, muss zwangsläufig in Sprache zum Ausdruck gebracht werden. Die Rede von einer vom Menschen und seinem Sprachgebrauch unabhängigen Realität ist ebenso sinnlos, wie die Rede von einer Zeit außerhalb des Sprachgebrauchs.
Zeit kann folglich nur über den Gebrauch in der Sprache als Abstraktion von aufeinanderfolgenden Prozessen verstanden werden, die wir in der sprachlich generierten Erfahrung aktuell, d.h. in der Gegenwart, kohärent unterscheiden. In der Erfahrung erscheint die Zeit als Beobachter unabhängige funktionale Einheit, weil sie sprachlich so konfiguriert ist. Im Vollzug zeitlicher Unterscheidungen erscheint sie gerichtet und irreversibel. Das gilt auch, wenn wir zyklische, reversible Prozesse als sequenzielle Abfolgen beobachten.
Für jeden Erfahrungsbereich gibt es spezifische Zeitunterscheidungen bzw. Eigenzeiten, die aus der Anwendung derselben Art von Abstraktion auf jeweils spezifische Prozessdynamiken hervorgegangen sind. Als Beobachter generierte Abstraktion im Sprachgebrauch ist Zeit biologisch fundiert; physikalische Zeit ist aus einem speziellen Erfahrungsbereich der Beobachter abgeleitet.
Zusammengefasst ist Zeit aus der Sicht von Maturana ein von Beobachtern spontan in der Sprache generiertes Erklärungsprinzip ohne „realen“ Bezug, das nur durch einvernehmliche kohärente Erfahrung gerechtfertigt ist.
Quellen:
Humberto R. Maturana, The Nature of Time (1995), https://sites.evergreen.edu (Download 10.02.2026)
Humberto R. Maturana (1928 – 2021):
Neurobiologe und Philosoph
Stichworte:
Konstruktivismus

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