Reinhart Koselleck
Ausgangspunkt für Kosellecks Konzeption von geschichtlicher Zeit sind Erfahrung und Erwartung, die er als allgemeinste, anthropologisch vorgegebene, formale Erkenntniskategorien (Bedingungen) für die Möglichkeit von Geschichtsvorstellungen auffasst. Die Begriffe stehen nicht für sich, sondern sind notwendig miteinander in einer Weise verschränkt, die als geschichtliche Zeit erfahrbar wird. „Sie konstituieren Geschichte und ihre Erkenntnis zugleich, […] indem sie den inneren Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft […] aufweisen und herstellen.“ (Vergangene Zukunft, S. 353)
Erfahrung ist vergegenwärtigte Vergangenheit und als solche unbewusst oder bewusst verarbeitetes wirklichkeitsgesättigtes Geschehen, das einverleibt ist und erinnert werden kann. Eigene Erfahrung umfasst immer auch fremde Erfahrung, die durch Generationen oder Institutionen vermittelt ist. Koselleck spricht vom Erfahrungsraum, in dem Vergangenes zu einer Ganzheit gebündelt und in dem viele Schichten früherer Zeiten zugleich präsent sind, ohne über deren Vorher oder Nachher Auskunft zu geben. Erfahrung ist nicht chronologisch messbar, sondern nur anlassbezogen datierbar. Sie stiftet keine chronologische Kontinuität, sondern liefert eine fragmentierte Sammlung von Episoden.
Erwartung ist vergegenwärtigte Zukunft, sie zielt auf das Noch-Nicht, auf das nicht Erfahrene, auf das nur Erschließbare, das von Hoffnung und Furcht, Wunsch und Wille, Sorge, aber von rationaler Analyse, rezeptiver Schau oder Neugierde überprägt wird. Koselleck spricht vom Erwartungshorizont, eine scheinbare Grenzlinie, die sich entfernt, wenn man sich nähert, weil Folgen nicht eingetretener Erwartungen neue Erfahrungen bringen, die neue Erwartungen provozieren.
Die beiden Formen von Vergegenwärtigung stehen in einem asymmetrischen Verhältnis. Die Präsenz der Vergangenheit ist eine andere als die Präsenz der Zukunft. Es gibt keine spiegelbildliche Zuordnung. Erwartung lässt sich nie zur Gänze aus Erfahrung ableiten. Erfahrung ist vollständig, Erwartung ist ergebnisoffen und insofern unvollständig.
Darüber hinaus haben Erfahrung und Erwartung eine temporale Struktur und sind veränderbar. Erfahrungen können korrigiert oder aus anderer Perspektive neu interpretiert und durch Erwartungen rückwirkend beeinflusst werden. „Eine Prognose stellen, heißt bereits die Situation verändern, der sie entspringt.“ (Vergangene Zukunft, S. 358) Erwartungen fußen auf Erfahrung. Wenn sie eintreffen, können sie nicht mehr überraschen. Überraschen kann nur, was nicht erwartet wurde. Diese Durchbrechung des Erwartungshorizontes stiftet neue Erfahrung.
Aus der veränderlichen Differenz von Erfahrung und Erwartung ergibt sich eine Spannung, „die in jeweils verschiedener Weise neue Lösungen provoziert und insoweit geschichtliche Zeit aus sich hervortreibt“. (Vergangene Zukunft,S. 358) Über die bloße Chronologie hinaus „zeitigt“ sich konkrete Geschichte in statu nascendi im Medium von bestimmten Erfahrungen und Erwartungen, was auf die Zeitlichkeit sowohl des Menschen als auch der Geschichte selbst verweist.
Schematisierend betrachtet lagen nach Koselleck Erfahrung und Erwartung im christlichen Mittelalter im Großen und Ganzen in einem durch die vorherrschenden Machtverhältnisse stabilisierten Verhältnis nah beieinander. Die Erwartungen der Nachkommen entsprachen in weiten Lebensbereichen nahezu bruchlos den Erfahrungen der Vorfahren. Es gab keine Vorstellungen von Geschichte als Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, sondern nur Vorstellungen von Geschichten als beispielhaften Episoden.
Das änderte sich mit dem Beginn der Neuzeit, die erst durch das Auseinandertreten von Erfahrung und Erwartung als neue Zeit in den Blick kam. Die Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sowie die Entdeckung und Eroberung bis dahin unbekannter Weltregionen entkräfteten die damals vorherrschende, alternativlose und endgültige, Zukunft abschließende und alle Erwartungen begrenzende apokalyptische Weltuntergangsprophetie und offenbarten unerwartete Möglichkeiten, brachten neue Erfahrungen und schürten neue Erwartungen. „Die Zukunft wurde zu einem Bereich endlicher Möglichkeiten, der in sich nach Graden größerer oder minderer Wahrscheinlichkeit abgestuft war.“ (Vergangene Zukunft, S. 29)
Ereignisse waren im Horizont der apokalyptischen Prophetie nur Symbole für Altbekanntes. Die Prophetie zielte auf Bewahrung des Status quo und verlangte Stellungnahme zu bestehendem Gut oder Böse angesichts des unvermeidbaren Weltgerichts. Mit der Prognose wurde das immer Gleiche der eschatologischen Erwartung von der Erwartung eines immer Neuen abgelöst. Sie zielte auf berechenbare Veränderung auf der Grundlage von Erfahrung und versuchte, Übel zu vermeiden und Besseres zu erwirken.
Mit der Entdeckung und Artikulierung von Fortschritt gewann das auseinanderstrebende Verhältnis von Erfahrung und Erwartung zusätzliche Wirksamkeit im Hinblick auf eine Beschleunigung und Verunsicherung der Zeiterfahrung. Der Erfahrungsraum wurde immer schneller mit immer mehr neuen Erfahrungen angereichert, der Erwartungshorizont immer stärker von Überraschungen durchbrochen. Die Zeiterfahrung verdichtet sich, was als Beschleunigung empfunden wird, und verliert ihre Stetigkeit, was als Offenheit ins Unbekannte verstanden wird. Die Konsequenz ist ein Verlust des Gegenwartsempfindens zugunsten eines fortwährenden Noch-nicht und Sein-Sollens.
Fortschritt war die erste genuin geschichtliche Zeitkategorie, Beschleunigung eine spezifische Variante, die entstand, als sich die „[Umsatz-]Raten in geometrischer und nicht mehr in arithmetischer Reihe“ (Zeitschichten, S. 163) steigerten. Die ehemals stetige Wiederholbarkeit des Lernens und die dauerhafte Anwendung des Erlernten wurden unterbrochen für das Erlernen des jeweils Neuen. Gemessen an der vorausgegangenen Lernerfahrung werden die Zeitrhythmen des Umlernens kürzer und kürzer. Während Erfahrung und Erwartung sich in früheren Zeiten von Generation zu Generation kaum änderten, leben in der Moderne drei Generationen nebeneinander, die mit völlig divergierenden Erfahrungen groß geworden sind und auf dieser Basis ganz unterschiedliche Erwartungen hegen.
Für Koselleck ist Wiederholbarkeit die Signatur anthropologischer Verhaltensformen. Alle menschlichen Lebens- und Handlungsbereiche enthalten Wiederholungsstrukturen (Riten, Dogmen, Sitten, Gesetzen, Normen bzw. Verfassungen, Institutionen und Organisationen oder auch Künste), die im Gegensatz zur ewigen Wiederkehr natürlicher Phänomene jeweils aktuell gewollt und gezielt vollzogenen werden. Die Wiederholbarkeit ist die Voraussetzung der jeweiligen Einzelfälle. Jede Hochzeit ist für die Beteiligten ein individueller und einmaliger Akt, aber Rituale, Sitten, Gebräuche und auch Gesetze sichern eine Stetigkeit eigener Art.
Die wiederkehrenden Verhaltensmuster ermöglichen, bedingen und begrenzen Handlungschancen. Sie verändern sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten im Verlauf historischer Zeiten. Die Stetigkeit der Verhaltensmuster bildet die Grundlage von historisch wirksamen Zeitschichten, die historische Perioden auf unterschiedlichen Zeitskalen prägen. Zeitschichten unterschiedlicher Dauer können zugleich auftreten und wirksam sein. Koselleck spricht von einer Mehrschichtigkeit historischer Zeiten und der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Historiker stehen zudem insbesondere vor dem Problem, ihren Gegenstandsbereich erst sprachlich artikulieren zu müssen, bevor sie ihn analysieren können. Das können sie nur mit den sprachlichen Mitteln, die ihnen ihre jeweils zugrundeliegende Geschichte historisch zur Verfügung stellt.
Einerseits geht die zur Artikulation verwendete Sprache einem dargestellten Geschehen voraus. Wenn sich Sprache verändert, verändern sich auch die Möglichkeiten, zeitgenössisches Geschehen begrifflich zu reflektieren. Andererseits provoziert historisches Geschehen veränderte Möglichkeiten sprachlicher Ausdrucksformen, mit denen es im Blick zurück in veränderter Weise dargestellt werden kann.
Sprache und Geschichte sind dynamisch miteinander verwoben und verweisen wechselseitig aufeinander. Sprachwandel prägt Geschichtsverständnis und geschichtlicher Wandel prägt sprachliche Ausdrucksformen. Dabei kann die voraus- oder zurückblickende begriffliche Artikulation den gesellschaftlichen Wandel mit ihren begrenzten, jeweils aktuell verfügbaren Ausdrucksformen nie eins zu eins abbilden. Analytisch betrachtet bleibt eine der Veränderlichkeit von Sprache und Geschehen geschuldete Differenz, die eine für geschichtliche Zeit charakteristische Spannung erzeugt.
Die Sprache liefert bzw. beherbergt Argumente, die aus Erfahrung geschöpft sind und die Formulierung von Erwartungen ermöglichen, deren prognostisches Potenzial aktuelles Geschehen – Geschichte in statu nascendi – beeinflussen. Neue Erfahrungen aus unerfüllten Erwartungen bzw. bestätigte Erfahrungen aus eingetretenen Erwartungen werden im Zuge aktuellen Geschehens sprachlich in Argumente transformiert und so für künftiges Geschehen sprachlich verfügbar.
So wie Sprechen und Handeln stets miteinander verwoben sind, sind auch synchrone und diachrone Aspekte im Vollzug des Geschehens immer verschränkt. „[…] die je einmalige Zeit der Ereignisse [birgt] in sich wiederholbare Strukturen […], deren Veränderungsgeschwindigkeiten andere sind als die der Ereignisse selbst“ (Begriffsgeschichte, S. 30). Alles aktuelle Geschehen vollzieht sich mit einer konkreten Temporalität synchron, greift aber zugleich bzw. verweist auf Erfahrungen zurück oder auf Erwartungen voraus, die sich im Zuge des Geschehens und darüber hinaus mit jeweils eigener Temporalität diachron verändern.
Sprache hat eine zeitliche Tiefenstruktur, die in der Saussureschen Unterscheidung von Langue und Parole ihren Ausdruck findet: Als Langue ist sie geworden, in der Parole wird sie iterativ reproduziert und aktualisiert. Koselleck betont, dass die mit dem aktuellen Geschehen synchron verbundene Rede immer zugleich mit der diachron verweisenden Sprache amalgamiert ist. „Jede Synchronie ist eo ipso zugleich diachron. In actu sind alle zeitlichen Dimensionen immer verschränkt […]“. (Begriffsgeschichte, S. 21)
Quellen:
Koselleck, Reinhard, Vergangene Zukunft: Zur Semantik geschichtlicher Zeit (1989)
Koselleck, Reinhard, Zeitschichten: Studien zur Historik (2000)
Koselleck, Reinhard, Begriffsgeschichten: Studien zur Semantik der politischen und sozialen Begriffe (2006)
Reinhard Koselleck (1923-2006):
Historiker, Lehrstuhl für Theorie der Geschichte an der Universität Bielefeld
Stichworte:
Erfahrungsraum, Erwartungshorizont, Begriffsgeschichte

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