Carsten Colpe
Colpe hat eine Stufentheorie für die historische Entwicklung hin zu einem unserem Verständnis angenäherten Zeitbegriff in antiken Hochkulturen vorgelegt. Er differenziert grundsätzlich zunächst zwei voneinander unabhängige Entwicklungslinien über die Entdeckung und kulturelle Fixierung historisch relevanter Ereignisse sowie über die Systematisierung von wiederkehrenden, insbesondere astronomischen und sozial relevanten natürlichen Ereignissen und Episoden. Für seine Darstellung verwendet er jeweils drei Kategorien: Geschichtslosigkeit, Geschichtseinteilung, Geschichtsvorstellung sowie Zeiteinteilung, Zeitvorstellung und Zeitbegriff. Am Beispiel Babylon, Iran und Indien skizziert er, dass und wie der jahrhundertelange kulturelle Austausch zwischen benachbarten Regionen die jeweils speziellen Entwicklungen kontingent und mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen geprägt hat.
Geschichtslosigkeit prägt frühe sesshafte und nomadische Gemeinschaften, in denen nichts weiter geschieht außer den sich wiederholenden Abläufen des alltäglichen Lebens. Diese Einstellung ist weder urtümlich noch typisch für frühe Stammeskulturen, sondern kommt neben institutionalisierten Formen von Geschichtskonzeptionen sowohl in frühen stratifizierten Hochkulturen als auch in segmentären Gesellschaften vor.
Eine Geschichtseinteilung kann durch prophetische Predigt, durch Interesse einer Hochkultur an den Anfängen ihrer Zivilisation, durch Bedarf für eine Legitimation von dynastischen Herrschaftsverhältnissen sowie durch Ansätze zu einer weltgeschichtlichen Chronologisierung entstehen. Die Weltordnung erscheint dann als vorgegebene Zeitgestalt, die auf einen Anfang und ein Ende verweisen kann. Ein Bespiel ist die kontingente schrittweise Herausbildung der weltgeschichtlich wirkmächtigen Geschichtseinteilung in vier aufeinander folgende Weltreiche: Babylon, Meder, Perser und Griechen.
Eine Geschichtsvorstellung, in der Historisches auf der Grundlage von Gesetzen zu einer Sinneinheit zusammengebunden wird, kann Colpe in den drei älteren Hochkulturen noch nicht ausmachen. Ansätze zu einer Geschichtsvorstellung finden sich nur bei den Hethitern. Eine Geschichtsvorstellung auf hohem Niveau entwickelte das Judentum. Die iranische Kultur kam über Stufe von Königslisten nicht hinaus, in Indien gab es überhaupt keine Geschichtsschreibung. Aus Geschichtseinteilungen und –vorstellungen kann nach Colpe der Begriff einer historischen Zeit abstrahiert werden.
Die vielfältigen Zeitvorstellungen, die sich aus einer „rechnenden“ Astronomie entwickeln lassen, haben mit den historischen ursprünglich nichts zu tun. Colpe spricht von einem „Bedürfnis nach Periodenrechnung“ schlechthin. Die Anstöße für diese Entwicklungslinie kommen von einem Interesse an Horoskopen, von Berechnungen von Jahreszeiten für zeitliche Dispositionen auf allen Lebensgebieten, insbesondere für die Landwirtschaft und die damit zusammenhängende zeitliche Planung der Versorgung, des Steuer- und Zinswesens, schließlich im Innewerden der Geheimnisse des gestirnten Himmels überhaupt. Colpe diskutiert, wie die Zahlenverhältnisse babylonischer Vorstellungen in indische und beide zusammen in die iranischen Weltalterlehren eingegangen sein könnten.
Nach Colpe kulminieren historisierende und astronomische Vorstellungen in einer Mischform, die sowohl Zeiteinteilung und Zeitvorstellung als auch in Geschichtseinteilung und Geschichtsvorstellung umfasst. Sie konnten nach seiner Auffassung nur von Priestern und/oder Astronomen, die neben astronomischen Erkenntnissen auch über die historische Erfahrung ihrer Völker und Dynastien verfügten, zu spekulativen Systemen zusammengefasst werden, an deren Spitze einem Zeitbegriff nahe kommende Vorstellungen wie Kalpa und Kala im Sanskrit, iranisch Zaman und Zurvan stehen, die Chronos und Aion im Griechischen sowie möglicherweise dem hebräischen Olam und Et vergleichbar sind. Insgesamt bleibt aber die Deutung dieser Begriffe an sich sowie im ihrem Verhältnis zueinander vage.
Quelle:
Colpe, Carsten, Die Zeit der drei asiatischen Hochkulturen, in Die Zeit. Dauer und Augenblick, Hg. Gumin und Meier (1981), S. 252-256
Carsten Colpe (1929-2009):
Religionswissenschaftler, Neutestamentler und Iranist
Stichworte:
Stufentheorie, Geschichte der Zeit
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