Antike Chronologie im Spiegel der Quellen
Roland Färber, Rita Gautschy (Hg.), Zeit in den Kulturen des Altertums – Antike Chronologie im Spiegel der Quellen (2020) –
Im Altertum
Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, dass ein Buch über antike Chronologie, das über Ereignisse, Dokumente und Artefakte aus der Vergangenheit berichtet, grammatisch im Präsens verfasst ist. Doch die Autoren setzen damit einen Akzent. Es geht ihnen nicht nur allgemein um einen Bericht über Vergangenes im Modus der Vergegenwärtigung, sondern im Besonderen auch und gerade um die Besprechung von empirisch fundierten Einsichten in den sozialen Umgang mit dem Phänomen Zeit, den sie im Spiegel der alten Kulturen reflektieren. Darin kommt konsequent die klar vertretene konstruktivistische Vorstellung zum Ausdruck, dass zeitliche Ordnungen zur Strukturierung der Welt das geschaffene Ergebnis der kulturellen Entwicklungen komplexer Gesellschaften sind, die ihre Wurzeln in einer Erfahrungswelt haben, in der die Messbarkeit von Geschehnissen und die Möglichkeit ihrer chronologischen Dokumentation sowie deren sinn- und identitätsstiftende Optionen und machtvermittelnde Instrumentalisierungen erst entdeckt und erfunden werden mussten. Kurz gesagt, es geht in dem Buch darum, was Menschen im Verlauf der Geschichte aus und mit Zeit gemacht haben und darin das vielschichtige Wirken von insbesondere sozialer Zeitlichkeit wiederzuerkennen.
In Anlehnung an Emil Durkheim gehen die Autoren davon aus, dass die Zeitvorstellungen einer Gesellschaft deren Handlungsorientierungen widerspiegeln. Die sozial konstruierte Zeitordnung ist durch die jeweils spezifische qualitative Bewertung quantitativ vermessener Zeiträume geprägt: „Zeitrechnungssysteme […] gehen aus Konventionen hervor und dienen als […] Referenzrahmen zur Koordinierung komplexer Gesellschaften.“ Sie haben im Sinne von Norbert Elias und Eviatar Zerubavel identitässtiftende und soziale Kontrollfunktionen. Der vorliegende Sammelband bietet eine Übersichtsdarstellung und Einordnung antiker Zeitkonzeptionen und -praktiken anhand der ausführlich erläuterten einschlägigen Quellen. Er ist das Ergebnis der dreijährigen Arbeit des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Netzwerks „Chronos. Soziale Zeit in den Kulturen des Altertums“, in dessen Fokus Ägypten, der Alte Orient und das Judentum, die Griechische Welt sowie das Römische Imperium stehen, die in separaten Kapiteln behandelt werden. Das Werk soll sowohl eine quellenbasierte Einführungslektüre bieten als auch einen umstandslosen Zugang zu den Quellen ermöglichen. Ein Glossar, ein Register sowie umfangreiche Literarturangaben werden zur Verfügung gestellt.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Überblick über die chronologischen Grundlagen des betrachteten Kulturkreises und widmet dann jeder vorgestellten Quelle ein Unterkapitel. Die Unterkapitel folgen einem einheitlichen Aufbau und sind mit zahlreichen Abbildungen der beschriebenen Artefakte und Dokumente sowie Transliterationen und Übersetzungen versehen. Jedes Unterkapitel beginnt mit einer Quellenerläuterung, dokumentiert ausgewählte Publikationen, Übersetzungen und Kommentare und erwähnt verwandte Quellen. Neben der Erläuterung mit dem Artefakt verbundener technischer Aspekte ist vor allem die soziokulturelle Auswertung von besonderem Interesse, weil hier eine Einordnung in den Kontext und eine Interpretation der Bedeutung des Artefakts gegeben werden.
Insgesamt sind 60 Quellen erfasst, die alle zu studieren für den interessierten Laien sicherlich eine Überforderung bedeuten. Aber die einführenden Texte und die soziokulturellen Auswertungen geben einen gut verständlichen Einblick in die Zeitvorstellungen der ausgewählten Kulturen des Altertums. Die beispielhafte Rezeption einzelner Quellenbeschreibungen gewährt einen Einblick in die aktuelle Forschungslage und nicht zuletzt stellt das Kompendium ein lexikonartiges Nachschlagewerk dar, in dem viele oft zitierte Werke wie, um nur willkürlich zwei Beispiele zu nennen, Hesiods Werke und Tage oder Plinius Bericht über den Meridian des Augustus in prägnanter und übersichtlicher Form zu finden sind.
