Entspringt das Zeitempfinden im „Noch-nicht“?
Hans-Georg Gadamer verweist darauf, dass jedes angestrebte oder erwartete Ereignis einen Spielraum des „Noch nicht“-Seins eröffnet, der gefüllt werden muss, und damit eine Zeitperspektive („leere Zeit“) implementiert. Zeit lässt sich also im Sinne der augustinischen distentio animi als Ausdruck für einen Spannungszustand der momentanen inneren Befindlichkeit unter Berücksichtigung äußerer Umstände interpretieren. Das Bewusstsein bewegt sich nicht im Faktischen, sondern in einem virtuellen Raum von Anschlussmöglichkeiten im Charakter von „Noch-nicht“-Ereignissen. Es ist intentional auf Anschlussmöglichkeiten gerichtet. Damit ist weder gesagt, dass solche Ereignisse spontan eintreten, noch, dass sie faktisch herbeigeführt werden können. Im Hinblick auf ein mögliches Ereignis wird ein virtueller Zeitraum konstituiert, der für Handlungsorientierung genutzt werden kann. In diesem Zusammenhang sind die Sinnhorizonte von Martin Heideggers Sein zum Tod als Sorge und von Emanuel Levinas Perspektive des fortwährenden Aufschubs des unvermeidlichen Todes zu sehen. Bei beiden tritt Zeit als begriffliche Ausdrucksform innerer Befindlichkeit zutage.
Quellen:
Gadamer, Hans-Georg, Über leere und erfüllte Zeit, in Zimmerl/Sandbothe, Klassiker der modernen Zeitphilosophie (2. Auflage, 2007), S. 281 ff.
Stichworte:
Gadamer, Levinas, Heidegger, Endlichkeit, Leben und Sterben

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