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Modalzeiten

(english version)

„Man könnte sagen, dass »Vergangenheit«, »Gegenwart« und »Zukunft«, obgleich verschiedene Worte, einen einzigen Begriff bilden.“ – (Norbert Elias) –

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden trotz ihres unbestrittenen Abfolgezusammenhangs landläufig als mehr oder weniger eigenständige, klar gegeneinander abgegrenzte Episoden betrachtet. Aus dieser Perspektive werden irritierende Diskussionen zum Beispiel über die Dauer von Gegenwart oder die Möglichkeit von Reisen oder Manipulationen in Vergangenheit oder Zukunft geführt. Der Soziologe Norbert Elias hält dem entgegen, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine gleichzeitige Präsenz in der Erfahrung zukommt. Sie bilden immer ein Ensemble, bei dem ein Aspekt für sich alleine, ohne die beiden anderen, keinen Sinn ergibt.

So betrachtet ist Gegenwart nur Gegenwart mit der Perspektivierung auf Herkunft und Zukunft. Durch den Blick auf Herkunft und Zukunft erhält sie ihren Sinn oder ihre Prägung als erlebter Zustand in einem kontinuierlichen Geschehen. Gegenwart meint demnach kein Verharren im unveränderlichen Augenblick, sondern ein lebendiges, erlebtes Unterwegssein, bei dem ein Woher und Wohin, ein Geworden-sein und ein Werden, Erfahrung und Erwartung stets mitschwingen bzw. stets mit gemeint sind. Der Begriff Gegenwart symbolisiert und fixiert in Sprache und Kommunikation einen Ereigniszusammenhang zwischen präsenten, d.h. sinnlich wahrnehmbaren, und nicht präsenten, nur erinnerten, dokumentierten oder prognostizierten, aber als real unterstellten Geschehnissen. Er eröffnet mit diesem Verweis auf Abwesendes einen Sinnhorizont, stiftet Sinn für das Verfügbare im Hinblick auf Anderes, gerade nicht Verfügbares und ermöglicht so Orientierung für das Handeln. Auch Jean Paul Sartre spricht über eine sinnprägende Wirkung des Abwesenden für die Gegenwart. Das Gewahr werden des Abwesenden als Bezug auf einen Mangel ist nach seiner Auffassung handlungsmotivierend für den Menschen.

Die Frage nach der Dauer von Gegenwart, um die zum Beispiel Niklas Luhmann mit Helga Nowotny gestritten hat, erscheint müßig. Wie lange Gegenwart im Erleben währt, erweist sich, wenn man Elias konsequent weiterdenkt, unter anderem als abhängig von der Körnigkeit, mit der sie betrachtet wird. Für den große Zeiträume überblickenden Historiker kann sie sich schon einmal über Jahre erstrecken, dann aber auch im Zuge epochaler Umbrüche auf wenige Tage oder Stunden zusammenschrumpfen. Durch die Lupe von manchen Hirnpsychologen betrachtet, reicht sie über den Sekundenbereich nicht hinaus. Mit anderen Worten: Es kommt auf den Interesse geleiteten Zuschnitt an, durch den eine so als gegenwärtig eingestufte Episode in ihrer Gesamtheit in Bezug auf ihr Geworden-sein und ihre Entwicklungsoptionen mit einem gewünschten Sinn aufgeladen werden kann.

Die Frage nach Reise- oder gar Manipulationsmöglichkeiten in Vergangenheit oder Zukunft missversteht die Modalzeiten als Orte, an die man sich begeben könnte. Tatsächlich ist aber, folgt man Elias, gar nicht von Orten die Rede, sondern von Aspekten einer umfassenden Präsenz. Diese Präsenz kann je nach Interessenlage des Betrachters im Licht wechselnder Perspektiven dargestellt bzw. manipuliert werden, indem sie in Abhängigkeit von sozialen Kontexten mehr oder weniger willkürlich mit einer neuen Vergangenheit oder Zukunft ausstaffiert wird. Dabei stellt sich nicht die Frage nach einer „objektiv richtigen“ Vergangenheit, sondern nur die Frage nach der Angemessenheit, Durchsetzungsfähigkeit, gemeinschaftlichen Akzeptanz und Wirksamkeit einer mehr oder weniger gerechtfertigten Vorstellung von Vergangenheit oder Prognose.

Quellen:

Elias Norbert, Über die Zeit, Vorwort (1984, zitiert nach 12. TB Auflg. 2017)
Jean Paul Sartre, Das Sein und das Nichts ? ()

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