Zeitblogger

Der getrübte Blick zurück

(english version)

Der Soziologe Pierre Bourdieu hat in seinen Überlegungen zu symbolischen Revolutionen auf ein Problem aufmerksam gemacht, das bei der Beschäftigung mit dem Thema Zeit in sehr zugespitzter Weise wirksam wird. Umbrüche in der Weltauffassung werden in der Folge zu Selbstverständlichkeiten, die den Blick zurück durch die Perspektive des Nachhineins trüben. Ein komplexes, wenn auch vielleicht eher intuitives als beherrschtes, modernes Zeitverständnis verstellt den Zugang zu Lebensverhältnissen, die davon unberührt geblieben sind. Ein Leben ohne standardisierte, auf einander abgestimmte Uhren ist in unserer global vernetzten Welt schwer vorstellbar. Die undurchschaubare Vielfalt lokaler Zeitmessungen vor der Einführung der Eisenbahnfahrpläne mutet heute deshalb so bizarr an, weil sie unabweisbar immer vor dem Hintergrund einer selbstverständlichen weltweiten Zeitzonensystematik beurteilt wird. Wir sind nur sehr bemüht in der Lage, die Unterscheidung synchron/asynchron auszublenden. Das Chaos der Zeiten, das wir heute erkennen, hatte damals kein Äquivalent. Wo aufgrund vergleichsweise geringer Mobilität kaum Synchronisation erforderlich ist, gibt es einfach kein Chaos verpasster Anschlussmöglichkeiten, und zwar weder praktisch noch theoretisch.

Quelle:

Pierre und Marie-Claire Bourdieu, Manet der Häresiarch. Entstehung der Felder der Kunst und der Kritik, in Pierre Bourdieu, Manet (2015), S. 651

Stichworte:

Perspektive des Nachhineins, Synchronisation

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