Ein älterer Mann
Sagt der Sohn zum Vater: „Schau mal da drüben der ältere Mann …“. Er verweist unter Verwendung eines zeitlichen Sprachausdrucks auf einen Umstand, der auch kalendarisch verstanden bzw. spezifiziert werden kann: „Schau mal der Mann, der mehr als 30 Jahre vor meiner Geburt zur Welt gekommen ist …“ Doch trotz aller Gewohnheit, zeitlich konnotierte Begriffe wie selbstverständlich einer einheitlich vermessenen, unermüdlich und stetig fortschreitenden Zeit unterordnen zu können, wird durch diesen reduktiven Zuschnitt die eigentliche Bedeutung völlig missverstanden.
Der Ausdruck „ein älterer Mann“ bezeichnet nicht einfach nur jemanden, der vor einer datierbar langen Zeit geboren worden ist. Das auch, aber nur beiläufig. Tatsächlich ist der Ausdruck „älterer“ nicht adverbial, sondern adjektivisch verwendet. Er ordnet den bezeichneten Mann nicht in das Standardzeitschema ein, sondern ordnet ihm eine Eigenschaft zu, die auf seine Situiertheit verweist, auf seine Generationszugehörigkeit, seine Seniorenrolle, seine körperliche Konstitution und Belastbarkeit, vielleicht auch auf seine Respektabilität und Autorität oder im Gegenteil auf deren Schwinden und vieles andere mehr. Kurz: Er benennt seine mutmaßlichen Befindlichkeiten und die Umstände seiner Existenz.
Der Ausdruck verweist auch auf eine Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem, auf den Altersunterschied zwischen Sprecher und dem, über den gesprochen wird, und damit auf ein anders zugeschnittenes Standing in der geteilten natürlichen und sozialen Welt, vielleicht auch auf ein Gewordensein, das zu einem Abschluss gekommen, ist sowie andere Formen der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Interessanter Weise bezieht die Rede des Sprechers indirekt auch die Perspektive des Angesprochenen bzw. das wechselseitige Verhältnis der beiden zueinander und zu dem, über den gesprochen wird, mit ein. Der Vater ist möglicherweise im selben Alter wie „der ältere Mann“. Auch wenn der Sohn dieses Faktum nicht im Blick haben mag, den Vater möglicherweise gar nicht so einordnet, schwingt es doch unerwähnt mit. Implizit wird mit dem „älteren Mann“ auch die Situiertheit von Vater und Sohn, werden ihre Befindlichkeiten und Lebensumstände mit angesprochen.
Die dominante Vorstellung einer stetig fortschreitenden Zeit unterschätzt und verdeckt bei weitem die sehr viel umfassendere Bedeutungsvielfalt, die kompetente Sprecher mit zeitlichen Sprachausdrücken zum Ausdruck bringen können. Die vermessene Zeit chronologischer Verläufe ist kein umfassender Zeitbegriff, sondern auch nur ein spezieller unter einer Vielzahl anderer qualitativer Zeitbegriffe. Die Rede von der Zeit ist irreführend und verschleiert die tatsächliche Vielzahl der Zeiten.

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