Jochen Gimmel
Jochen Gimmel entwickelt sein Zeitverständnis aus Überlegungen zur Muße, die er nicht als „Freiheit von den Zwängen der Zeit“ auffasst, sondern als originäre Gelegenheit, Zeit als solche zu erfahren. Welt sei nicht einfach da, sondern geschehe. Es geht ihm darum, dass Zeit nicht verdinglicht, sondern die Dinge verzeitlicht werden. Zeit sei nichts, was wie eine Eigenschaft an Dingen hafte oder das sie erleiden. Geschehnisse manifestieren sich im Vollzug als Summe ihrer Wechselwirkungen und erscheinen als Dinge. In ihrem Wirkungszusammenhang stehen die vorübergehend festgestellten Dinge in einem Spannungsverhältnis, das nach Gimmel als Zeit angesprochen werden kann. In Abgrenzung gegen raumbasierte Vorstellungen von Zeit als Aggregat oder Ausdehnung interpretiert er Zeit als Intensität, die die wechselseitigen Spannungsverhältnisse zwischen Dingen und Prozessen qualitativ und quantitativ kennzeichnet.
Jedes Phänomen der Wirklichkeit manifestiert sich demnach zeitlich auf eigene Weise in dynamischen Wechselbeziehungen zu anderen Phänomenen. In ihrem Wirkungszusammenhang werden die jeweils spezifischen Eigenzeiten in ein Verhältnis der Gleichzeitigkeit gesetzt. „Gleichzeitigkeit ist gewissermaßen ein Miteinander des eigenzeitlich Ungleichzeitigen, Asynchronen als Wirkungsbezug.“ Dabei wird Gleichzeitigkeit nicht als Nebeneinander im Raum in den Blick genommen, sondern als wechselseitige Konfrontationen unterschiedlicher Zeitvollzüge. Diese gemeinsame Zeit unterschiedlicher Geschehnisse ist nichts Umfassendes, in dem die Geschehnisse enthalten wären, sondern sie wird durch „das Inbezugtreten zur Alterität des zeitlich jeweils anderen“ ausgespannt. „Zeit ist keine Gegebenheit, sondern vielmehr ein Sich-Ergebendes.“
Substanzielles erweist sich aus der Perspektive von Gimmel als zusammentreffendes Wirkungsgeschehen, das sich in seiner Dynamik zeitlich als Dauer und Folge manifestiert. Dabei ähnelt der asynchrone Bezug von Existenzvollzügen eher einem „temporalen Tumult“ als einem „Gleichfluss“. In Gimmels Worten: „Das Geschehen der Wirklichkeit lässt sich als ein zeitliches Kausal-Gewitter von Wechselwirkungen begreifen, also von Folgen im Sinne von Wirkungen in einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die eine Vielzahl von Wirkrichtungen oder Ausprägungstendenzen im Augenblick versammelt.“
Gimmel ist der Meinung, dass Zeit keinem eindimensionalen Richtungszwang von der Vergangenheit in die Zukunft unterliegt. Die Vielzahl der Zeitausrichtungen (früher, später, noch immer, während usw.) lasse sich erst auf einer zweiten Ebene in eine zeitliche Universalausrichtung eingliedern. Er spricht von einer „zeitlichen Relationsoffenheit“ oder „temporalen Multidimensionalität“: „Den besonderen Zeitsinn gewinnt ein Zeitvollzug durch die Reflexion auf seinen Anfang und sein Ende, durch die sich der Tumult zeitlicher Bezüge in eine temporale Sinnrichtung bringen lässt.“ Das Zusammenspiel von Vergegenwärtigen, Erinnern und Antizipieren prägt Gegenwart als asynchrone Multidirektionalität, die durch das Schema der Zeitrichtung einen Sinn in der Manigfaltigkeit zeitlicher Sinnlichkeiten erschließe.
Die gleichmäßig fließende, mit Uhren gemessene Zeit bleibt den konkreten Zeiterfahrungen gegenüber ein äußerlich aufgeprägtes Konstrukt, das alles Geschehen bis in beliebig kleine, abzählbare Einheiten zerlegt. Zeit verstanden als Intensität wechselseitiger Bezugnahme betrachtet Vorgänge oder Geschehnisse dagegen in ihrer gesamten, nicht weiter unterteilten Dauer von einem Anfang bis zu einem Ende und bestimmt sie in ihrem Bezugscharakter zu anderen Geschehnissen (früher, später, seit dann und dann, jetzt, so lange, so oft, noch nicht, immer noch, plötzlich, dreimal so lange usw.). Darin kommen nicht-räumliche, auf Vollzug verweisende Aspekte wie Wachstum, Ausharren, Erdulden, Vergehen usw. zum Ausdruck.
Gimmel verweist darauf, dass im vermessenden Zeitverständnis Anfang und Ende gar kein Teil der eindimensionalen, geradlinig, einförmig verfließenden Zeit sind, sondern nur auf der Zeitskala abgelesen (d. h. markiert) und datiert werden. Sie werden gewissermaßen (willkürlich) von außen zur Zeitskala hinzugefügt. In der konkreten Zeiterfahrung sind Anfang und Ende dagegen konstitutiv. Man finde sich selbst stets innerhalb dieser Begrenzungen vor, was eine unbetroffene temporale Beobachterposition schlichtweg ausschließe.
Anfang und Ende sind Zäsuren, die Zeitvollzüge unterbrechen. Umgekehrt formuliert: Zäsuren sind Ereignisse, mit denen vorgängige Vollzüge beendet werden und nachfolgende beginnen. Sie werden nicht gesetzt, sondern ergeben sich aus dem ganzheitlichen Verständnis eines Vollzugs. Eine Strecke, die mit Anfang und Ende – von einer Position außerhalb – auf einem Zeitstrahl markiert wird, hat keinen Richtungssinn und kennt weder Vergangenheit, Gegenwart noch Zukunft. Zeitrichtung und Zeitmodi kommen nur für denjenigen zur Geltung, der in die Zeitspanne eingebunden ist. Der so Beteiligte kann mit Niklas Luhmann gesprochen „sein eigenes Anfangen und Enden nicht im Moment des Anfangens und Endens beobachten, sondern nur zwischendrin. Der Anfang kann nur im Nachhinein erzählt werden, und die Erzählung wird auf die Folgen des Angefangenhabens reagieren. […] Das System beobachtet mithin sein Schonangefangen haben und sein Aufhörenkönnen.“ Die physikalische Konstruktzeit spiegelt als äußerliches Maß nur die (reversible) Abfolgestruktur des Geschehens wider und ignoriert die im Mitvollzug erfahrene Geschichtlichkeit.
Wegen der Unverfügbarkeit von Anfang und Ende kann ein involviertes Subjekt einen Zeitvollzug nicht als abgeschlossene Ganzheit überblicken, sondern nur Abstand nehmend narrativ erfassen. D. h. als Ganzheit ist ein Zeitvollzug nur narrativ rekonstruierbar, aber nicht unmittelbar erfahr- oder erlebbar. Dennoch schwingt auch im Erleben der figurative Eindruck der Ganzheitlichkeit von Zeitvollzügen mit und erschließt so deren Identität in ihrem Verlauf. Nach Gimmel ist die figurative Ganzheit eines Zeitvollzugs eine sinnstiftende, im Verlauf orthogonal mitlaufende zweite Dimension der Zeit.
Kalender verknüpfen zyklische und lineare Zeitmanifestationen. Einerseits sprengen einmalige Ereignisse kalendarische Rhythmen, andererseits werden sie allein vor dem Hintergrund dieser Rhythmik sichtbar und ansprechbar. „Man kann sagen“, so Gimmel, „ohne Grenzpunkte bleiben die Kalenderzyklen ohne Zeit, ohne die Zeitzyklen alle Ereignisse unbemerkt.“ Die unüberwindbare Disparität von kalendarischer und metrischer Zeit sieht er nicht als Manko, sondern als grundlegende Voraussetzung, damit die für Zeit konstitutive Asynchronität und Polytemporalität in der Zeiterfassung ihren Niederschlag finden können.
Gimmel setzt dem visuellen Bild einer räumlichen Zeitlinie das Hörbild eines Akkords entgegen, in dessen Klang sowohl vorausgreifend als auch zurückweisend eine Vielzahl potentieller Tonfolgen mitanklingt bzw. virtuell vergegenwärtigt wird, eine spannungsgeladene Sphäre multidimensional ausgerichteter Verweise, in der Gegenwart in eine Weite möglicher Vergangenheiten und Zukünfte aufgespannt wird. Die Zeitausrichtung ergibt sich dann in der narrativen Ausgestaltung einer konkreten Vergangenheit und Zukunft.
Drei Typen von Augenblicklichkeit sind für Gimmel die Zeitmanifestationen, die „ein ausgezeichnetes Erfahrungsbewusstsein von der Zeitlichkeit des Geschehens ermöglichen“. In einem allgemeinen Sinn versteht er den Augenblick als solchen als Spannung zwischen den Polen ‚Selbstsein‘ (Auf-sich-selbst-bezogen-sein) und ‚Auf-das-Äußerste-bezogen-sein‘ (absolutes Sein, Eschaton). Gemeint ist ein jäh hereinbrechendes Bewusstsein des Selbstseins, das den normalen Zeitverlauf unterbricht, in Konfrontation oder Zusammenklang mit etwas Ewigem, Absoluten im Sinne Kierkegaards. Der Augenblick ist nicht Teil eines Kontinuums, sondern zeitliche Ganzheit. Er bildet „ein zeittheoretisches Analogon zur Selbstzweckstruktur der Muße“, einen Schutzraum der Glückseligkeit (eudaimonia), ein „von der Zeit beseeltes, eudaimonisches Sichvorfinden im Augenblick“.
Den Augenblick im engeren Sinne des Kairos verbindet Gimmel mit der Bedeutung des Treffens, des Augenblicks, in dem alles, was zum Gelingen nötig ist, zusammenkommt. Die Dringlichkeit der Sachintention (des Treffenwollens) und das Warten auf die Gelegenheit begründen ein Verständnis des Kairos als Zeitfenster, in dem sich eine Spannung zum Objekt aufbaut. Die radikale Bindung an ein konkretes Ziel prägt dem Kairos-Augenblick Absolutheitscharakter auf, der ihn vollkommen aus- bzw. erfüllt.
Historische Augenblicke schließlich sind Wendepunkte, die der Geschichte Richtung und Sinn verleihen. Bezogen auf den alltäglichen Gang der Geschichte sind sie Ende, Bruch und Anfang zugleich und haben einen quasi absoluten Charakter. Gemeint ist damit so etwas wie eine treffende Berührung von etwas Absolutem als herangereifte treffende Einsicht in einen allgemeingültigen Zusammenhang. In der Geschichte ‚reift‘ ein Begreifen heran, das schließlich einer Gegenwart zufällt und die historische Gelegenheit öffnet, Vernunft praktisch zu verwirklichen.
Heute erscheint der historische Augenblick ubiquitär, total und auf Dauer gestellt. Unter dem Eindruck einer permanenten technologischen Revolution erwächst ein Zeitbewusstsein, dass Zukunft wie ein bereits realisiertes Faktum erfährt, vor dem sich eine schon veraltete Gegenwart rechtfertigen muss. Gimmel spricht von einem magischen Futurismus, vor dem selbst das Neueste schon veraltet erscheint, weil wir wissen bzw. erwarten, dass es morgen schon überholt ist.
Seine Muße-theoretischen Überlegungen zur Zeit fasst Gimmel wie folgt zusammen: In der Muße kann die begrenzte Zeit als Eigenzeit erfahren werden, weil die objektivierte Zeitordnung der Chronologie außer Kraft tritt und Gelegenheit besteht, sich frei und unbeschwert in der Spannweite der eigenen Existenz zu erleben. Muße ist eine Grenzerfahrung, die Zeitläufe unterbricht. Das Verweilen und der Kairos sind Kennzeichnen ihrer besonderen Zeitlichkeit. Muße haben bedeutet für Gimmel wohnen im Wunsch. Dabei geht es gerade nicht darum, eine Utopie zu verwirklichen, sondern darum, sich selbst in aller Radikalität und Konsequenz in einem spannungsgeladenen sich in der Zeit vor und zurück Sehnen zu erfahren. In Zeiten der Muße bildet der widersprüchliche Gegensatz zwischen Angekommensein und Unterwegssein einen Spannungsbogen, in dem das Selbst sich ständig aktualisierend in einer nicht greifbaren Wirklichkeit einrichtet. In der Muße werden Wünsche entfaltet, die man nicht einfach hat, sondern die man vollzieht, indem man sich in der Zeit ausstreckt. Zeithaben und Zeitsein wurzeln in Utopien, in denen Unbekanntes als Mögliches im Unterwegssein zu sich selbst aufscheint. „Die nicht feststellbare Wirklichkeit der Gegenwart, die sich erst im Wünschen eröffnet und aufspannt, erweist sich als die geheimnisvolle Realität der Zeit selbst.“
Quellen:
Jochen Gimmel, Zeit haben – Zeit sein – Ein Plädoyer für Zeit (2023)
Jochen Gimmel (1977):
Dozent für Ethik und Interkulturelle Kompetenz an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen
Stichworte:
Muße-Forschung

Schreibe einen Kommentar