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Die rechte Zeit

(english version)


Zur rechten Zeit zuzugreifen, eine Chance zu nutzen, ist als praktische Handlungsempfehlung ambivalent, weil auch die rechte Zeit eine Entscheidung über eine Möglichkeit der Wahl erfordert, die unvorhersehbare Konsequenzen hat. Sie kann den Weg zum erhofften Erfolg bahnen. Sie kann aber auch eine „falsche“ Entscheidung festzimmern. Zugleich ist jedes Warten oder Zögern fatal: Die Chance könnte unwiederbringlich vorübergehen. Egal, wie man entscheidet, in der Regel es gibt kein zurück. Es gibt Menschen, die vor dieser Situation zurückschrecken oder erstarren und handlungsunfähig werden. Andere nutzen jede Gelegenheit, rechte Augenblicke rational vorauszuplanen, um vorbereitet zu sein. Wieder andere verlassen sich in vollem Selbstvertrauen auf ihr Bauchgefühl. Wie auch immer, der rechte Augenblick bringt eine Berührung mit dem Absoluten im Sinne Kierkegaards. Ein Moment der Verführung, der Versuchung, riskant, im ein oder anderen Fall auch beängstigend oder ganz im Gegenteil euphorisierend. Ein Moment schier unendlicher Möglichkeiten, die, wenn sie auftauchen, schon im Schwinden begriffen sind, ein existentieller Drang, zupacken zu müssen, vielleicht auch eine existentielle Blockade des Zupacken-Könnens.

Quellen:

Søren Kierkegaard, Furcht und Zittern
Konrad Liessmann, 3. Vorlesung aus der Reihe „Antiakademisches Philosophieren“, gehalten am 22.3.2012 an der Universität Wien

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