Zeitblogger

Dimensionen des Zeiterlebens

(english version)

Jeder lebt mit Gleichaltrigen und Verschiedenaltrigen in einer Fülle gleichzeitiger Möglichkeiten. Für jeden ist die gleiche Zeit eine andere Zeit, nämlich ein anderes Zeitalter seiner selbst, das er nur mit Gleichaltrigen teilt.‘“ – (Wilhelm Pinder)

Die Dominanz von Uhren- und Kalenderzeit kann den irreführenden Eindruck erwecken, dass im Hinblick auf das Zeiterleben alles gesagt ist, wenn Phänomene oder Ereignisse durch die Angabe von Datum und Uhrzeit in ihrer Lage und ihrem Verlauf bestimmt werden. Tatsächlich ist das Zeiterleben facettenreicher und über die objektivierende historische Verortung hinaus stets von den Dispositionen und Lebensumständen der Subjekte bzw. sozialen Gemeinschaften geprägt, die Phänomene oder Ereignisse beobachten, daran teilhaben, sich daran erinnern oder davon betroffen sind.

Nicht zu unterschätzen ist darüber hinaus die Rolle, die das Lebensalter der Beobachter für die Einschätzung der zeitlichen Relevanz datierter Ereignisse oder Phänomene spielt. Unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen von gleichzeitig lebenden Menschen verschiedenen Alters färben Beobachtetes im Hinblick auf die Handlungsorientierung als mehr oder weniger dringlich, als mehr oder weniger herausfordernd, als mehr oder weniger beachtenswert, aber auch als zu spät, zur rechten Zeit oder zu früh.

Augenblicke, in denen etwas geschieht, das von involvierten Beobachtern als Ereignis oder Phänomen festgestellt wird, sind folglich niemals eindimensional angeordnete Zeitpunkte, sondern stets in mehrdimensionale Zeiträume eingebunden, die von unterschiedlichen Koordinaten des Zeiterlebens aufgespannt werden.

Die voran gehenden Überlegungen sind eine Verallgemeinerung eines Entwurfs des Kunsthistorikers Wilhelm Pinder, mit dem er Kunstgeschichte zeitlich differenziert dargestellt hat. In den drei Dimensionen historische Datierung, stilistische Einordnung (unmodern/modern; Zeitgemäßheit) und Lebensalter bzw. Generationszugehörigkeit des Werkschaffenden werden drei Zeitebenen aufgespannt. Auf der ersten werden zugleich lebende Künstler nach stilistischer Zuordnung und Lebensalter abgebildet, auf der zweiten werden gleichaltrige Künstler gemäß dem Datum ihrer stilistischen Zuordnung abgebildet, und auf der dritten werden stilistisch gleich Schaffende in Abhängigkeit von ihrem Lebensalter und ihrer geschichtlichen Verortung abgebildet.

Mit seinem Entwurf zielte Pinder darauf ab, dem Narrativ einer linearen Abfolge der Kunststile eine komplexere und damit realitätsnähere Beschreibung entgegenzustellen, die die zeitliche Einordnung von Kunstwerken im Spannungsverhältnis von Gleichzeitigkeit und Gleichaltrigkeit der Kunstschaffenden thematisierte. Pinder sprach auch von der „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, weil Künstler unterschiedlicher Generationszugehörigkeit ihre Werke zu gleicher Kalenderzeit schufen. Dieser Zuschnitt erlaubte es Pinder, die lineare Aufeinanderfolge von Stilrichtungen in herkömmlichen Kunstgeschichten durch eine komplexere Darstellung zu ersetzen, in der gleichzeitig lebende Generationen unterschiedlichen Alters unter wechselseitigem Einfluss zur gleichen Zeit Werke verschiedener stilistischer Prägung erschaffen.

Quellen:

Wilhelm Pinder, Das Problem der Generation in der Kunstgeschichte Europas (1928), insbesondere S. 9 ff.

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