Zeitblogger

Zeit im Leben, leben in der Zeit

(english version)

„Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“ – (Michael Ende)

Zeit ist Leben? Leben bedeutet In-der-Welt-Sein, d.h. in einem Angebot von Möglichkeiten zu existieren. Dieses Angebot von Möglichkeiten ist nicht beliebig, sondern ein begrenztes, wechselndes Angebot von einzigartigen konkreten Gelegenheiten. Indem sie Gelegenheiten aufgreifen, gestalten lebendige Wesen ihr In-der-Welt-Sein und schaffen dadurch Fakten: die Verwirklichung ihrer Existenz. Zeitliche Sprachausdrücke beschreiben die konkrete Art und Weise, wie Leben In-der-Welt-Sein verkörpert. Zeit ist ein Sammelbegriff für sprachliche Ausdrucksformen, mit denen erfasst und kommuniziert werden kann, wie lebendige Wesen ihr Leben verwirklichen. Insofern ist Zeit Leben.

Der Spielraum der Möglichkeiten, in dem Leben Gestalt annehmen kann, mag theoretisch beliebig groß sein. Praktisch bestehen aber immer nur sehr begrenzte Zugriffsgelegenheiten. Um sich in Existenz zu erhalten, sind lebendige Wesen auf die Verfügbarkeit rezeptiver und kognitiver Kapazitäten zur Unterscheidung und Vernetzung angewiesen. Das heißt, sie müssen Welt in weit verstandenem Sinne wahrnehmen und darauf reagieren können. Diese Kapazitäten sind quantitativ und qualitativ begrenzt. Das heißt, es kann nur eine limitierte Anzahl von spezifizierten Unterscheidungen als verfügbare Gelegenheiten für Gestaltungspotenzial erfasst, gegebenenfalls reflexiv verarbeitet und im Falle des Menschen kommunikativ geteilt werden.

Die kontingente, von konkreten Gelegenheiten abhängige Bezugnahme von Leben auf von ihm Unterschiedenes fixiert Wirkliches im Spielraum des Möglichen. Zugleich verschiebt sich das Angebot von existenziellen Möglichkeiten und eröffnet erneut Gelegenheiten bezugsfähiger Unterscheidungen und Vernetzungen.

Das In-der-Welt-Sein ist subjektiv, insofern es sich in Existenz erhaltendes Gestaltungsvermögen verkörpert. Es ist objektiv, insofern es eine konkrete Ausgestaltung von Leben realisiert.

Quellen:

Michael Ende, Momo (1973)

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