Manfred Eigen
Für Manfred Eigen ist Zeit eine physikalische Gegebenheit, die an physische Prozesse gebunden ist und sich auf unterschiedliche Weise in verschiedenen Prozesstypen entfaltet. Sie tritt auf drei Ebenen letztlich physikalisch-chemischer Prozesse in Erscheinung: als symmetrischer Entwicklungsparameter auf der Ebene von Gleichgewichtszuständen, die durch eigentlich zeitlose physikalische Gesetze bestimmt sind, als schwache, gerichtete Zeitlichkeit auf der Ebene von Relaxationsprozessen nach Störungen von stabilen Gleichgewichts- oder Fließgleichgewichtszuständen sowie als starke, gerichtete Zeitlichkeit auf der Ebene instabiler, irreversibel evolvierender Systeme mit Vergangenheitsbezug. Es gibt eine Vielzahl von Relaxations- und Evolutionsprozessen, die durch jeweils spezifische Eigenzeiten mit spezifischen Zeitkonstanten als Kenngrößen charakterisiert sind.
Zeit ist für den Physiker in erster Linie eine auf die Beobachter-Perspektive bezogene Messgröße zur Charakterisierung von Prozessen. Dem involvierten Beobachter erscheint das Universum als ein von Entropiezunahme begleiteter, mit schwacher Zeitlichkeit verbundener Relaxationsprozess, der einem Zustand thermodynamischen Gleichgewichts mit maximaler Entropie und verschwindender Zeitlichkeit entgegen strebt. Irreversible Prozesse, die über Variation (Störung von Nichtgleichgewichtszuständen) und Selektion unter anderem zu Leben und Bewusstsein führen, sind räumlich beschränkte Prozesse, die unter besonderen Rahmenbedingungen unter lokaler Entropieabsenkung mit starker Zeitlichkeit in Erscheinung treten können. Letztere sind in ihren Entwicklungsmöglichkeiten limitiert, aber nicht determiniert. Sie „vergessen“ ihre Vergangenheit, aber sind offen für die Zukunft.
Quellen:
Eigen Manfred, Evolution und Zeitlichkeit, in Die Zeit – Dauer und Augenblick, S. 35 ff., Hg. Gumin Heinz, Meier Heinrich (1983, zitiert nach 4. TB Auflg. 1998)
Weiterlesen:
Link: Titel (Kategorie)
Schreibe einen Kommentar